Am 4. September 2026 besuchte die Europaabgeordnete Marion Walsmann (EVP-Fraktion) das Thüringische Institut für Textil- und Kunststoff-Forschung e.V. in Rudolstadt und tauschte sich mit TITK-Direktor Benjamin Redlingshöfer intensiv über aktuelle Forschungsschwerpunkte und die politischen Rahmenbedingungen aus.
Rudolstadt – Innovation in den Markt zu bringen, ist die Kernaufgabe wirtschaftsnaher Forschung. Und sie ist existenziell für alle nicht grundfinanzierten wirtschaftsnahen Forschungsinstitute in Thüringen, sagte Redlingshöfer. Nur durch anteilige Projektförderung könne dies jedoch nicht dargestellt werden. Deshalb müssten zwingend 30 bis 50 Prozent der Mittel aus der Zusammenarbeit mit der Industrie generiert werden. Hier nehme das TITK einen Spitzenplatz bei den wirtschaftsnahen Forschungseinrichtungen ein. Dies, betont Redlingshöfer, sei keine Wertung gegenüber anderen Großforschungseinrichtungen, sondern eine Positionsbestimmung: „Die Institute des Forschungs- und Technologieverbundes Thüringen (FTVT) agieren sehr nah an der Industrie und sind die transferstärksten Einrichtungen in Deutschland.“
Damit dies auch künftig funktioniert, brauche es stabile Rahmenbedingungen für die Projektförderung. Das Programm INNO-KOM müsse in seiner bewährten Förderarchitektur erhalten bleiben. „Die Institute der Zuse-Gemeinschaft kommen gut mit einer Förderung von deutlich unter 100 Prozent aus. Sie organisieren komplementäre Direktforschungsaufträge aus der Industrie und nehmen den Unternehmen zugleich einen erheblichen bürokratischen Aufwand ab“, so Redlingshöfer. Beim wichtigen ZIM-Programm sorge dagegen die wechselnde Programmatik, zuletzt mit dem Antragsstopp am 7. Juli 2026, für Irritationen – sowohl bei KMU als auch bei Forschungseinrichtungen. Dieser Richtungswechsel sei umso unverständlicher, da die Wirtschaftsministerkonferenz kurz zuvor noch andere Prioritäten gesetzt und sich zumindest für einen Inflationsausgleich der Fördermittelbudgets ausgesprochen hatte.
"Gutes Instrument, das weiterentwickelt werden muss"
Auch die steuerliche Forschungszulage sei grundsätzlich ein gutes Mittel, so Redlingshöfer. Sie müsse jedoch weiterentwickelt werden, denn die derzeitigen Bemessungsgrundlagen begünstigten große Unternehmen überproportional. Die Zuse-Gemeinschaft hat dazu bereits ein Positionspapier mit konkreten Änderungsvorschlägen vorgelegt – interessant für Marion Walsmann, die sich gerade vor dem Hintergrund einer stark KMU-geprägten Unternehmenslandschaft in Thüringen für eine Weiterentwicklung dieses Förderinstruments einsetzen will.
Zudem warb Redlingshöfer für das in Thüringen etablierte Start-up-Programm "Get started 2gether". Von ihm hätten bislang 79 Gründungsprojekte profitiert. Die Förderquote sei gut, die für Existenzgründer wichtige Zeitschiene nahezu einmalig: Schon nach sechs bis acht Wochen könnten die Kooperationen mit passenden Forschungseinrichtungen starten. Als Vorsitzender des ausrichtenden Forschungs- und Technologieverbundes Thüringen lud er Marion Walsmann ausdrücklich ein, den nächsten Pitch im Frühjahr 2027 im Eiermannbau Apolda mitzuerleben.
Anschließend ging es um konkrete Innovationen aus dem TITK – von den vielfältigen Lyocell-Funktionsfasern der Cell Solution®-Familie über nachhaltige Fahrzeugunterböden und bioabbaubare Pflanzcontainer für den Forst bis hin zum Recycling und Wiedereinsatz von Carbonfaser-Abfällen. Auch das jüngste Kind des TITK, das Innovationszentrum für textile Kreislaufwirtschaft (DICE), wurde vorgestellt. Dabei brachte Redlingshöfer einen zentralen Anspruch auf den Punkt: „Jede Nachhaltigkeitsbemühung muss letztlich ökologisch und ökonomisch rentabel sein.“
Marion Walsmann verwies hier unter anderem auf ihre EU-Initiative, Schafwolle nicht länger als Abfall, sondern als wertvolle nachhaltige Ressource einzustufen. Unterstützung habe sie hier unter anderem aus Irland und Rumänien.
Und – so wollte sie wissen – wie steht die wirtschaftsnahe Forschung Thüringens im Vergleich zu anderen Bundesländern da? „In der Umsetzungsgeschwindigkeit sind wir ganz vorn“, antwortete Redlingshöfer. Kurze Wege und innovative Lösungen für unterschiedlichste Branchen seien dafür entscheidende Faktoren. Sein Fazit mit einem Augenzwinkern: „Wir bauen zwar hier in Thüringen nicht die Rakete, die auf den Mars fliegt. Aber die Schrauben für die Rakete muss ja auch jemand entwickeln.“ Insofern sei es klug, charmante Nischen zu besetzen, die nicht selten auch bessere Margen versprechen.


